Musik findet Stadt
Früher war das so: Wer nach Musik forschen, Musik sammeln wollte, zog hinaus, aufs Land, „über die Dörfer“, dorthin, wo die Musik noch echt ist, wo sich manche Traditionen „gerade noch“ erhalten haben. Die Stadt hingegen galt lange Zeit geradezu als Anti-Ort für Volksmusik. Jedoch: Traditionelle Musik ist überall. Traditionen gibt es in den Städten ebenso wie am Land. Wiener Musik, Sevdalinke, Klezmer, Tango, Musette, die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Alle diese Formen entstanden und entstehen immer wieder neu, aus dem Spannungsfeld zwischen „rural“ und „urban“, zwischen Stadtflucht und Landflucht, aber auch etwa zwischen Verödung der Stadtzentren und Aufblühen der Kultur in der Vorstadt. Nicht all das wird heuer bei der Musikwerkstatt thematisiert werden. Das Spannungsfeld Stadt-Land aber ist ohnehin ständig präsent, allein schon durch die Tatsache, dass sich Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen zusammenfinden, aber auch ganz konkret, wenn Jodler auf Gesänge aus anderen Stilen treffen, wenn sich Musikformen etwa aus Bosnien, Brasilien oder Polen vermischen. Schließlich ist das ein elementarer Bestandteil urbanen Lebens: Die Begegnung von Musik und Menschen unterschiedlichster Herkunft, herbeigeführt mit Absicht oder durch das Schicksal.
Kursleiterin Evelyn Fink-Mennel hat ein internationales ReferentInnen-Team zusammengestellt, das zum einen geografisch und stilistisch ein weites Feld bestellen kann. Zum anderen ist auch dem unterschiedlichen Können der TeilnehmerInnen, in allen möglichen Stufen, kompetente Betreuung und Pädagogik gesichert. Die Begegnung verschiedener „Spiel-Levels“ ist ein zentraler Bestandteil traditioneller Musik. Dementsprechend sind die unterschiedlichen Angebote gestaltet, wird der Unterricht in Gruppen verschiedener Größe abgehalten, bis zum Plenum, in dem sich alle auf ihre bestmögliche Weise beteiligen können.
Das Stift Göttweig ist der ideale Ort für dieses Spannungsfeld: Eine Welt für und in sich, fast eine Stadt „en miniature“, eine eigenständige Ansiedlung, da am Hügel über dem Donautal; und gleichzeitig eben mitten in der Natur, am Land, auch in der Einsamkeit. Das Stift ist ein lebendiger, atmender Organismus, der die Musik, die in ihm erklingt, auch beeinflusst. So wird auch das Schlusskonzert der Werkstatt wieder in verschiedenen Orten des Stiftes abgehalten werden, wird die Erfahrung, die die TeilnehmerInnen während der Woche an diesen Orten machen, ans Publikum weitergegeben.
Letztendlich wird in der Musikwerkstatt einer „Sehnsucht nach dem Greifbaren“ (E.Fink-Mennel) nachgegangen, nach Musik, die einfach ist, bzw. Musik, die „einfach da“ ist. Dass einfach nicht gleich leicht ist, dass die schlichte Kraft von traditioneller Musik erst erkannt und erkämpft werden will, tut dieser Sehnsucht keinen Abbruch.
Albert Hosp (Kurator Festival Glatt & Verkehrt)