Glatt&Verkehrt empfiehlt:
Lost & Found in der Strengen Kammer: Dezember 2011 / 19:00Uhr
Porgy & Bess / Riemergasse 11 / 1010 Wien / tel. +43 1 512 88 11
Porgy & Bess
Editorial
(...) Apropos Strenge Kammer: Vor vielen Jahren hat auch das Gesamtkunstwerk Renald Deppe seine Heimatstadt Bochum verlassen mit dem Versuch, die austriakische Bundeshauptstadt mit einem dichten Netz an kulturellen Inseln flächendeckend zu bepflastern. Keine Galerie, kein Theater, kein Salon, kein Industriebau, ja nicht einmal eine öffentliche Bedürfnisanstalt ist vor seiner künsterischen Okkupation sicher. Nun hat er den neuen Raum im P&B für sich entdeckt und kuratiert die montägliche Serie mit dem programmatischen Titel „Lost & Found“, u.a. mit musikalisch Gleichgesinnten, die er hierzulande verloren geglaubt und nun im fernen Korea wieder gefunden hat. Dies bedeutet auch eine Art Heimkehr des intellektuellen Querdenkers, hat er doch das P&B 1993 mitbegründet und Jahre lang als musikalischer Leiter nachhaltig inhaltlich geprägt. Welcome home, Renaldo! (...) In diesem Sinne: Happy New Ears!
Christoph Huber im Porgy & Bess Folder / Dezember 2011
05. 12. 2011
„Ein Dichter ist kein Wegelagerer, sondern ein Mann mit leeren Händen.“
Ko Un (* 1933 in Kunsan / Korea)
„Ein Musiker ist ein Klangräuber. Mit leeren Ohren hört er das Tosen der Stille und setzt seine Zeichen.“
Renald Deppe
ZERBRECHLICHES / DEPONIEN
Ku Su Jung (heagum)
Park Kyung So (gayageum)
Michael Bruckner-Weinhuber (guitar)
Renald Deppe (saxophon, clarinet, sound graphein)
Bernhard Breuer (drums)
Leere Hände
Im Schneegestöber
begrüsse ich den frühen Morgen des Neujahrstages,
gemeinsam mit Frau und Tochter wandere ich
zu einem Hügel.
Dabei denke ich an meine übermäßigen Wünsche.
Wusste ich nicht, dass leere Hände leicht und frei machen,
so leicht, dass ich im Moment abheben könnte?
Ko Un
Supported by: kursiv – eine Kunstzeitschrift
Präsentation: Jahrbuch 2011 -
Deponien / Altlasten / Zerbrechliches
kursiv.2011 / www.kursiv-kunst.at
12. 12. 2011
ALTLASTEN / DEPONIEN
Ku Su Jung (heagum)
Park Kyung So (gayageum)
Franziska Fleischanderl (dulcimer)
Andi Schreiber (violin)
Michael Bruckner-Weinhuber (guitar, photographic scores)
Renald Deppe (saxophon, clarinet)
Am Fenster
Was bleibt mir an Wünschen?
Die Ferne.
Die Nähe.
Ko Un
Klangfenster aus makrophotographischen Strukturen und Graphein bilden an diesen zwei Abenden kompositorische Ordnungssysteme und konzeptionelle Inspirationsquellen für eine Begegnung fernöstlicher Instrumentalkunst und nahwestlicher Spieltechniken.
East of the Sun and West of the Moon: nicht ein kaltglanzpoliertes Cross-Over-Weltmusik-Ereigniss ist intendiert. Es bleibt und treibt der Wunsch, die Nähe und die Ferne des jeweils Fremden und angeblich Wohlbekannten in einem auf-, an- und erregenden Kontrapunkt darzustellen.
Auch im Scheitern. Immer wieder.
(Re_De)
Supported by: kursiv – eine Kunstzeitschrift
Präsentation: Jahrbuch 2011 -
Deponien / Altlasten / Zerbrechliches
kursiv.2011 / www.kursiv-kunst.at
19. 12. 2011
(S)IRENENSANG
Ingrid Schmoliner (prepared piano)
Irene Kepl (violin, electronics)
„Der koreanische buddhistische Mönch Wonhyo hat vor mehr als tausend Jahren die Wahrheit, die von Worten abhängt, mit der Wahrheit verbunden, die ohne Worte ist. Hierin liegt die Möglichkeit der Dichtung, die Grenzen des Literarischen auf geheimnisvolle Weise zu überschreiten.
Die Meditation im Zen-Buddhismus ist eine Verneinung von Wort und von Schrift. Doch wenn sie ihr Ziel erreicht hat, blühen paradoxerweise Wortblüten auf.“
Ko Un
Improvisation ist die Wahrheit des Augenblicks.
Improvisation braucht keine Verschriftung und verzichtet somit auf jegliche Wiederholbarkeit (und Vermarktung) des originären akustischen Ereignisses.
Und doch entstehen in der Verneinung fixierter Abläufe auch kompositorische Strukturen und Bilder, sorgsam geordnete Klangblüten.
Aufzuspüren und Nachzuhören am heutigen Abend bei Irene Kepl und Ingrid Schmoliner. Zum Beispiel...
(Re_De)
26. 12. 2011
MUSIK AUS DEM REICH DER MORGENSTILLE
Park Kyung So : Gayageum (Korea)
Die Seidenstrasse
Welche Kraft kann verhindern,
dass diese sagenumwobene Welt untergeht,
langsam oder urplötzlich.
Mit welcher Liebe
Kann man verhindern,
dass die Menschheit untergeht.
Es bleibt der Wirbelwind.
Ach, der letzte Zauberspruch.
Ko Un
Sie ist eine wahre Meisterin ihres Traditionsinstrumentes: die junge Dame wirbelt über das Gayageum, eine koreanische Wölbrettzither.
Park Kyung So (ver)zaubert mit alten & neuen, strengen & verspielten, feinen & wilden, freien & gebändigten, traditionellen & experimentellen, volkseigenen & volksfremden Klängen.
Und der geneigte Zuhörer wird sich unweigerlich an folgende Hugo von Hofmannsthalzeilen erinnert fühlen:
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen...
(Re_De)
p.s.: und bitte nicht vergessen:
Wer die Kulturen "rein" halten will, schwächt sie.
Die herkömmliche Musikethnologie hat gedacht und gearbeitet, als läge eine solche Schwächung in ihrem Interesse. Oft genug befasst sie sich mit einer Musik, die von vitalen und lebendigen Menschen nicht mehr gespielt wird... "
Joachim-Ernst Berendt